Studiblog
12.10.2011
Nach und nach nachhaltiger
Von Dragica Stojkovic
Bei frisch gefassten Entscheidungen neige ich zu übereifrigem Enthusiasmus und einer ausgeprägten Liebe zur Radikalität. So auch beim Entschluss, die Welt nachhaltig zu prägen – ironischerweise durch die Verkleinerung meines ökologischen Fussabdrucks ... Lebten alle Menschen einen ähnlichen Lebensstil wie ich, bräuchte es 2.7 Erden, um dies zu ermöglichen. Und das, obwohl ich nicht Auto fahren kann, kaum Tierprodukte verzehre sowie brav den Abfall trenne und recycle.
Ich erwachte also gut gelaunt und begab mich ins Badezimmer. Nichts ahnend, dass mir die ansonsten heiss geliebte Dusche zum Verdruss werden würde: Die Duschgels betrachtend fragte ich mich, ob die Verpackungen natürlich abbaubar sind? Ob ich in Zukunft nicht lieber zu Nachfülloptionen greifen sollte? Oder besser noch – wie wäre es, wenn ich meine Kosmetika selber herstellen würde? Vor lauter Gedanken vergass ich, das Duschgel tatsächlich zu verwenden und ich fragte mich wie lange wohl ich schon unter der Dusche stand. Eine dumpfe Ahnung rieselte auf mich nieder und schon bald schossen Wellen der Wut durch mich – wie verschwenderisch mein massiver Wasserverbrauch doch ist! Ich stellte das Wasser ab.
Ein Griff zum Frotteetuch nahm die kurz gewonnene Ruhe wieder weg. Ich fragte mich, woher wohl die Baumwolle stammt und wo Handtuch fabriziert wurde. Wie wurde das Tuch wohl gefärbt? Soll ich in Zukunft nur noch Fair-Trade Frotteetücher kaufen (auch wenn sie teurer sind und mir oft nicht so gefallen)? Die nicht endenden Assoziationen zur Baumwollfrage fingen an mich zu nerven und meine Stimmung sank.
Vor dem Kleiderschrank stehend mengte sich ein Gedankenblitz ein: Die Herstellung eines T-Shirts braucht bis zu 20'000 Liter Wasser! In meinem Schrank aber stehen unzählige Kleider, die kaum getragen werden ...
Gekleidet und erfrischt ging ich zum geliebten MacBook, das – wie ich betrübt feststellen musste – über Nacht nicht ausgeschalten, sondern nur im Standby-Modus war. Die vielen gedanklichen Ablenkungen raubten Zeit und eilig sammelte ich meine sieben Sachen, um den Bus nicht zu verpassen, denn ich musste noch einkaufen gehen. Dabei fiel mir auf, dass die elektronischen Geräte zwar an einem Leistenstecker angeschlossen sind, doch waren auch diese über Nacht nicht abgestellt. Langsam aber sicher kam ich mir wie eine Energiededektivin vor – auf der Suche nach Spuren grauer Energie (damit ist jene Energie gemeint, die für Herstellung und den Transport eines Produkts verbraucht wurde). Und zu meinem Entsetzen waren in meiner Wohnung unzählige unnötiger Weltschändungen vorzufinden. Beim Blick zum Harry Potter Schunken erschlug mich eine weitere Zahl: Mindestens 1'650 Liter Wasser wurden für dessen Herstellung verwendet. Zum ersten Mal frage ich mich, ob meine Büchersammlung exzessiv ist? Dann aber wurde ich trotzig: «Meine Bücher lasse ich mir nehmen», rotzte es in mir, «koste es alle graue Energie der Welt!». Sonst senkt sich zwar mein ökologischer Fussabdruck und damit auch die auf dem Gewissen lastende Masse grauer Energie, doch fürchte ich stattdessen selber zum grauen Menschen zu mutieren ...
Im Bus legten sich die inneren Revolte und ich versuchte die Schiene der positiven Psychologie zu fahren: «Liebe Dragica», sprach ich mir aufbauend zu, «dass du so konsequent umweltbewusst zu leben versucht ist so bewundernswert! Wie schön, dass du dich von jenen Heuchlern abzuheben versuchst, die den Mund zu voll nehmen und das Wort nachhaltig aus Imagegründen endlos wiederkäuen. Wie gut die Welt doch wäre, gäbe es mehr Menschen deiner Sorte!»
Aber wem machte ich was vor? Es fühlte sich gar nicht bewundernswert an und es trieb mich jenseits der Lust. Der Versuch mir mit Positiver Psychologie zu begegnen, scheiterte kläglich und mein Wohlbefinden steigerte sich nicht. Es kam mir immer nur Nietzsche in den Sinn und dessen Deutung des Optimismus als «Symptom der absinkenden Kraft, des nahenden Alters (und) der physiologischen Ermüdung». Keines der drei erschien mir verlockend. Vielleicht hätte ich mir lieber vorgenommen, pessimistisch zu sein – ich hätte mir so einige Mühe ersparen können.
Im Coop angekommen gab es viel zu beachten. Da Fleisch keinen meiner Teller ziert, war ich bereits auf gutem Weg, denn der Fleischkonsum macht innerhalb der Ernährung einen Drittel der Umweltbelastungen aus. Importierte Waren versuchte ich zu meiden und vor der Bioecke stehend erschrak ich über die vielen Plastikverpackungen. Und Plastik kommt mir heute nicht in die Tüte! Ich dachte mir, dass mir bei meinen radikalen Ambitionen vielleicht tatsächlich nur noch die Radieschen übrig bleiben werden ...
Man könnte denken, dass ich – war das Mittagessen einmal vorbei – von der zunehmend bedrückenden Thematik des Energieverbrauchs verschont wurde. Aber nein, die Qual hielt an: Ich betrachtete die Zahnpasta meines Partners. Sie war auszeichnungslos – weder vegan noch sonst wie rühmenswert. Ich fing also an die Zusammensetzung der Zahnpasta zu studieren, die Inhaltsstoffe zu googlen und ... meinem Freund Vorwürfe zu machen. Mit ein wenig Recherche liess sich herausfinden, dass potentiell gesundheitsschädliche und an Tieren getestete Bestandteile vorhanden sind. Dem Seelenheil meines Freundes zu liebe beschloss ich, ihm eine neue Zahnpasta zu kaufen. Blöd nur, dass – wie ich später einsehen musste – mein Rettungsversuch ihm gar nicht zu munden schien: Er war stattdessen nachhaltig genervt.
Zum ersten mal fragte ich mich, ob Nachhaltigkeit der Umwelt und das Wohlbefinden des Menschen kompatibel sind. In extremer Form sicher nicht, dafür sind es bereits zu viele Menschen auf der Erde. Würde man den Gedanken «Wenn alle so handeln würden wie ich» konsequent durchdenken, müsste man den Gurt in manchem Lebensbereich deutlich enger schnallen. Es stellt sich jetzt die Frage, wo ein angemessener Kompromiss eines Individuums ist, um das eigene Wohlbefinden und Bestrebungen bezüglich der Nachhaltigkeit der Umwelt einigermassen in Waage zu halten.
Abends legte ich mich an jenem Tag erschöpft ins Bett, das wohlige Gefühl des umschlungenen Duvets freudig erwartend. Stattdessen aber fühlte ich mich beim Blick zur Lampe von Schuldgefühlen zugedeckt: «Nicht einmal an Energiesparlampen hast Du bisher gedacht!», hörte ich es in mir zischen! Die Decke fiel mir förmlich auf den Kopf und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als in Form eines monströsen Trampeltiers durch die Traumwelten zu marschieren und nach Lust und Laune zu rauchen, trinken und zu essen, verschwenderisch mit Wasser zu spielen und unbekümmert davon zu zischen. Etwas beschämt musste ich mir eingestehen, zu viel auf ein Mal gewollt zu haben – vielleicht ist es doch vernünftiger, nach und nach nachhaltiger zu werden und bei gelegentlichen Fehltritten Milde walten zu lassen (und sich insgeheim darüber zu freuen).
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13.02.2011
Wir forschen am Lebendigen – Eine subjektive Kolumne über das Subjekt
Von Vesna-Maria Garstick
Das Wort Diversität scheint in aller Munde. Und wie mir dieses Wort auf der Zunge zergeht, komme ich nicht umhin, mir Gedanken über das Prinzip der Humboldtschen Universität, über die oft erwünschte, und selten erreichte fächerübergreifende Vernetzung, die absolute akademische Freiheit und damit auch die Ausrichtung der Forschung in unserem Fach der Psychologie zu machen. Kaum jemand, scheint es mir, wundert sich heute über die betriebene Leuchtturmpolitik in der Bildungslandschaft, über die internationale Konkurrenz zwischen den Universitäten und deren steigende marktwirtschaftlichen Bindungen. Es wird als eine Tatsache akzeptiert, dass es gewisse Forschungstrends gibt, populäre Forschungsbereiche, bei der die Drittmittelbeschaffung wie von Zauberhand geschieht, und andere Gebiete, die dabei auf der Strecke bleiben. Glücklicherweise leistet sich die Universität Zürich auch immer noch «randständigere» Forschungsbereiche, wo sie anderswo schon lange wegrationalisiert wurden.
Denn es scheint nicht ganz vergessen gegangen zu sein, dass wissenschaftliche Kreativität manchmal genau an diesen Rändern entsteht. Oft geschieht das Spannende, wird das Neue genau in diesen Grauzonen entdeckt. Muss von uns jungen Wissenschaftlern deshalb nicht immer wieder alles kritisch hinterfragt werden? Sind auch unsere verinnerlicht etablierten, international anerkannten Forschungsmethoden etwas, das angezweifelt werden darf? Wenn es noch immer das Ziel einer Universitas ist, selbständige kritisch-denkende Menschen mit breiter Allgemeinbildung zu formen, frage ich mich, ob es dann nicht auch oder gerade in der Psychologie eine grosse Bandbreite an Lehre und Forschung braucht.
Der Lehrstuhl für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse von Prof. Brigitte Boothe verabschiedet sich Anfang 2013 und damit auch ein guter Teil Erfahrung und Praxis in der qualitativen Forschung. Es wird aber auch eine ganze Kulturtheorie, ein ganz spezifischer Blickwinkel auf das Individuum, nicht mehr auf dem Lehrplan stehen. Geht dabei ein letzter geschützter Raum verloren, in dem noch ein wenig anders gedacht werden durfte?
Das Abtreten des letzten Lehrstuhls für Psychoanalyse im deutschsprachigen Raum kann nun einerseits bedauert werden. Andere wiederum atmen auf ob dieser Tatsache, weil für sie ein altes, überholtes Relikt, das sich nicht so richtig einordnen lässt in den Kanon der empirischen Sozialwissenschaften, den Hut nimmt. Denn die Psychoanalyse wollte nie recht in den Wettbewerb der Vergleichbarkeit einsteigen. Der Beweis in der Praxis, am Subjekt war ihr genug. Denn Fakt ist nun mal, dass viele in eigener Praxis tätige Psychotherapeuten in Zürich einen psychoanalytischen Hintergrund haben.
Zu Recht schien der Gedanke illusionär, dass in wissenschaftlichen Studien unspezifische Effekte gänzlich kontrolliert werden können, da hierfür die Klienten stets dieselbe Behandlung empfangen müssten. Um eine Gleichbehandlung zu garantieren, müssten wir die Klienten zudem allesamt zwischen den Behandlungen in einen Raum sperren (mit derselben Aussicht versteht sich). Auch empirisch arbeitende Sozialpsychologen wissen selbst aus den simpelsten Laborstudien – die Empirie ist ein dreckiges Geschäft. Schliesslich forschen wir ja an lebenden Individuen, die unberechenbar durchs Leben tanzen.
Vermutlich deshalb verweigerten sich viele psychoanalytische Praktiker lange der Forschung, die unter dem Dogma der randomisierten, kontrollierten Studien stand. Dies mit dem berechtigten Argument, dass bei solchen Studien oft die individuell ganz unterschiedlichen Patientenbedingungen, die Lebenssituationen und die wichtige Beziehung zwischen Patient und Therapeut ignoriert werden. Es ist offensichtlich, dass wir hier etwas zu verstehen versuchen, das komplexer nicht sein könnte. Das subjektive Erleben scheint etwas kaum Greifbares, etwas Unobjektivierbares, das sich praktisch nicht standardisieren lässt.
Trotzdem muss sich eine ganze Schule, und vielleicht grade diejenigen, die jetzt am lautesten rufen, sich selber an der Nase nehmen. Wurden nicht Jahre der Forschung verschlafen, bzw. wurde von psychoanalytisch Tätigen nicht viel zu wenig in die Therapie-Forschung investiert? Einzelresultate aus der spannenden Praxis alleine reichen eben nicht aus. Man darf sich nicht hinter dem Subjektiven und kann sich nicht hinter der Couch verstecken. Es braucht ein wissenschaftliches Pendant auf Universitätsebene gegenüber der real existierenden Praxis, welches diese immer wieder anstösst und Veränderungsimpulse gibt. Eine Praxis ohne Forschungsgegenüber scheint mir gar mittelalterlich und gefährlich.
Dabei ist differenzierte Langzeitforschung im Bereich der Psychotherapie schon länger existent, nur fristet sie ein Schattendasein. Denn sie ist ungemütlich aufwendig, dazu teuer und der steigende Publikationsdruck ist für zeitintensive Langzeitstudien vermutlich auch kein Anreiz. Aber aus gesellschaftlicher und finanzieller Sicht wäre sie dringend nötig. Studien, die ihre Patienten über längere Zeit beobachten gibt es, wie uns Leichsenring et al (2008), Leuzinger-Bohleber et al. (2001) oder auch Tschuschke et al. (2010) beweisen, schon länger. Naturalisierte empirische Qualitätsforschung – sie existiert, neue Techniken, Methoden wurden etabliert!
Anstatt also über den verlorenen letzten Lehrstuhl für Psychoanalyse im deutschsprachigen Raum zu klagen, könnten wir diesen Moment auch als Chance sehen. Der Lehrstuhl wird neu mit einer Professur für Psychotherapieforschung besetzt. Etwas Besseres hätte eigentlich nicht passieren können. Vielleicht wäre dies der Moment um aufwendige, valide und komplexe Forschung auf hohem Niveau zu etablieren. Hoffen wir, dass sich für diesen Lehrstuhl eine mutige und unabhängige Person bewirbt – mit welchem Schulenhintergrund auch immer –, die längere Forschungszeiten nicht scheut. Die aber dafür mit nachhaltigen und realitätsnahen Ergebnissen aufwarten kann. Denn schliesslich muss es uns, schon rein aus gesamtgesellschaftlichem Interesse, interessieren, wie gut es Individuen auch 5 Jahre nach einer Therapie geht. Und uns Studierenden sei weiterhin ein breites und differenziertes Spektrum an Lehre und Forschung vergönnt.
«In einem Zeitalter, wo man Früchte oft vor der Blüte erwartet und vieles darum zu verachten scheint, weil es nicht unmittelbar Wunden heilt, den Acker düngt, oder Mühlräder treibt, […] vergisst man, dass Wissenschaften einen inneren Zweck haben und verliert das eigentlich literarische Interesse, das Streben nach Erkenntnis, als Erkenntnis, aus dem Auge.» – Alexander von Humboldt über die Freiheit des Menschen. Auf der Suche nach Wahrheit.
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24.06.2009
Kreuzzüge
von Lucy
Erst um 16:20 soll der Einlass in die von Antipathie gezeichnete Räumlichkeit erfolgen, obwohl das ominöse Examen bereits zehn Minuten später beginnen wird. Mit Vorteil betritt man das Gebäude nicht viel früher, denn es scheint beinahe unerträglich und wirkt indessen in höchstem Masse ansteckend, den von innerer Unruhe geplagten, bis zum Zerreissen angespannten Kommilitonen zu begegnen. Selbst auf dem vermeintlich stillen Örtchen herrscht leider keine meditative Ruhe, zumal sich die Massen dort um ein Vielfaches tummeln – wer möchte sich vor den 90 minütigen Strapazen nicht Erleichterung verschaffen? Mit beruhigenden Klängen ausgestattete Ohren vermögen die widerlichen Ausdünstungen der Kollegin links, die einen kleinen Angsthaufen deponiert, und von der Person rechts, die ihre Henkersmahlzeit von sich gibt, nicht auszublenden. Im Foyer kauern Studierende auf dem steinernen Boden und versuchen verzweifelt im «Last-Minute»-Endspurt ihre grauen Zellen zu füttern. Hätten sie die bereits examinierte Materie einst tiefer durchdrungen, wäre ihnen heute bekannt, dass es äusserst ungünstig ist, kurz vor Prüfungen lernen und zu diesem Zeitpunkt noch Inhalte ins Gedächtnis transferieren zu wollen – so gelangt das Gelernte bloss bis zum Kurzzeitgedächtnis, welches das aufgenommene Pensum nur durch regelmässige Wiederholung ins Langzeitgedächtnis weiterleitet; dies optimalerweise im Schlaf (auch Konsolidierung genannt). Der Abruf aus dem Kurzzeitgedächtnis ist in höchstem Masse konfusionsanfällig.
Vor den Zugangspforten in das Reich der Pein ist wie üblich die berühmt-berüchtigte Pinnwand aufgebaut, versehen mit einer Aufstellung aller Matrikelnummern und den zugehörigen Sitzplätzen. «Super, meine Glückszahl!» oder «Verdammt, die 13!» vernimmt man etwa inmitten der sich zusammendrängenden Flut von Studierenden. Das elende Warten auf den Einlass scheint kein Ende zu nehmen. Doch plötzlich werden sie geöffnet, die Tore des Schicksals, welche unausweichlich Zugang zum Kriegsgebiet gewähren. Das nervöse Summen der Menge erreicht seinen Höhepunkt: «Hilfe, ich möchte doch nicht in der Mitte sitzen!» lässt eine panikschwangere Stimme verlauten. Eigentlich sollten wir Psychologiestudierenden doch wissen, dass wir uns vor der «Self-Fulfilling-Prophecy» hüten und subjektives Empfinden negativer Art stets extern attribuieren sollten!
Auf den Tischen türmen sich Energy-Drinks, Kaffeekannen, Traubenzucker – Doping; auch wenn dieser Begriff natürlich streng genommen nur für den Bereich des Wettkampfs- und Spitzensports gilt, so möge er in diesem Zusammenhang dennoch Verwendung finden. Heutzutage wird Leistung zunehmend mittels objektiv geltender Massstäbe beurteilt. Einerseits erhöht dies zwar die Chancengleichheit, da allen Leistungen ähnliche Normen zugrunde liegen, doch andererseits führt diese zu mehr Wettbewerb und Konkurrenz – Leistungen und deren Wertschätzung erlangen nur im direkten Vergleich Geltung. Ob wir genügende Noten einholen oder nicht, hängt letztendlich von Gütemassstäben ab und ist durch unsere Lernleistung bloss indirekt beeinflussbar – wobei dabei oftmals auch eine kleine Prise Glück mitspielt, zumal das «Kreuzchensetzten» je nach Konzeption der Multiple-Choice-Fragen mit einer gewissen Irrtumswahrscheinlichkeit auch im Zufallsprinzip erfolgreich bewerkstelligt werden kann. Mitunter steht nicht die Leistung per se im Vordergrund, sondern vielmehr das Ergebnis im Vergleich zur Konkurrenz, wobei manch einer in unserer Gesellschaft den Zwang empfindet, erfolgreich Leistungsfähigkeit demonstrieren zu müssen. Erfreulicherweise können auf dem Markt für jegliche Belange Mittelchen, welche indessen mehr oder minder selbstverständlich, häufig genug sogar vollumfänglich akzeptiert sind, gefunden werden: Prüfungsangst wird durch Tranquilizer unterdrückt, während Antriebsschwächen durch leistungsunterstützende Substanzen, wie etwa Energie-Getränke und Stimulanzien, überbrückt werden.
«Sehr geehrte Studierende […] bei jeder Multiple-Choice-Frage stehen sechs Antwortalternativen zur Auswahl. Es sind jeweils mehrere Antworten richtig. Wählen Sie die richtigen Antworten und kreuzen Sie diese auf dem beiliegenden Antwortblatt an. Es werden die richtigen wie auch de falschen Antworten gezählt. Viel Glück!» Bisher wurden jeweils nur Punkte vergeben, wenn alle Kreuze richtig gesetzt wurden, bei Fehlern gab es schlichtweg keine Punkte. Und nun gibt es gar noch Abzüge für falsche Antworten!?
«Konzentrier dich aufs Wesentliche», sag ich mir – und so gelingt es mir, den ersten Teil, welcher mit zumeist humanen Fragen versehen ist, gut und sicher hinter mich zu bringen – zumindest vom subjektiven Gefühl her. Doch der zweite Teil, welchen die etwas in die Jahre gekommene Expertin für klinische Neuropsychologie kreiert hat, bereitet mir Mühe. Oftmals steht in der Aufgabenstellung bereits die Antwort auf eine (imaginäre) Frage, welche ich problemlos hätte beantworten können. So hätte ich etwa sehr wohl gewusst, dass das Balint-Holmes Syndrom eine Störung der ganzheitlichen Erfassung einer Szenerie ist, ob dabei jedoch die visuelle Aufmerksamkeit eingeengt oder die visuelle Informationsverarbeitung verlangsamt ist und die Integration einzelner visueller Reize Probleme bereitet oder etwa eine ausgedehnte bilaterale Gesichtsfeldeinschränkung vorliegt, das vermag ich nur mittels höchst konzentrierter Bündelung meiner grauen Zellen auszutüfteln. Auf einmal wird es unruhig: Jemand scheint seinen Leistungsnachweis erbracht zu haben und ist bereits im Begriff, den Raum zu verlassen – ich würdige ihn eines neidischen Blickes; wie gerne würde ich in diesem Augenblick in seiner Haut stecken wollen! Naja, mir bleiben immerhin noch 45 Minuten.
Aber Mensch, was ist denn der Unterschied zwischen der Dysarthrie, der visuellen Agnosie und einer amnestischen Aphasie – und dann steht da noch «optische Aphasie» geschrieben, was ist denn…das habe ich noch nie gehört! Nun sollte ich wissen, bei welchen der genannten Störungsbilder das Benennen bei visueller Objektdarbietung und bei verbaler Objektdefinition erhalten oder gestört ist. Ausserdem möchte die linkische Dozentin wissen, ob ebendiese Patienten auf Objekte zeigen können oder sich Objekte vorstellen und entsprechend zeichnen können. Black out. Ich schwirre ab und sehe mich am Meer in der Sonne schwitzend und …
«Ihr habt noch 10 Minuten Zeit – nun darf niemand mehr vorzeitig abgeben und den Raum verlassen.» werde ich urplötzlich aus meinen Träumen herausgerissen. Ach Mensch, jetzt konzentrier dich! Nimm dich zusammen, Endspurt! Und irgendwie setze ich dann die letzten Kreuze.
Nach der Abgabe meines Antwortblattes fühle ich mich regelrecht erlöst und freue mich riesig auf das wohlverdiente kühle Gelbe! Die Kollegin an meiner Seite haut es jedoch bereits nach einer Stange um – welches Mittelchen die wohl vor den Prüfungen eingeworfen hat?
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28.09.2008
Werde beachtet – werde gelesen!
aware ist stets auf der Suche nach intrinsisch motivierten sowie kreativ veranlassten (Psychologie-)Studierenden, die beim derzeit einzigen Magazin von Psychologiestudierenden aus dem deutschsprachigen Raum der Schweiz mitwirken möchten.
Die Vorzüge eines Einstiegs bei aware sind vielfältig, sei es die Möglichkeit zur Publizität, dem originellen Ausleben und der Entfaltung eigener Ideen und Interessen im Bereich der Psychologie, die Verbesserung der eigenen Schreibkompetenz oder das Knüpfen neuer Kontakte und die Erweiterung des sozialen Netzwerks. Darüber hinaus sammelst du Erfahrungen in der Produktion einer Zeitschrift und hast die Möglichkeit, ehrenamtlich tätig zu sein, was positive Resonanzen bei zukünftigen Bewerbungen mit sich bringt.
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25.06.2008
Was ein Antifussballfan der EM abgewinnen kann
von Mö
Montagmorgens, einen Tag nach dem letzten EM-Viertelfinalspiel. Und obwohl ich mich nicht im Geringsten dafür interessiere und ich gestern Spanien nicht gefeiert habe, bin ich müde. Warum? Als Student habe ich ja Zeit in den Semesterferien und gehe daher ab und an aus, in der Hoffnung, ausreichend Geld für ein Taxi zu haben - und hier kommt die EM wieder ins Spiel: Die Nachtbusse fahren dank dieser jede Nacht, im Halbstundentakt und ohne Nachtzuschlag! Das ist ausgesprochen grossartig und ausgesprochen tödlich für jede Seminararbeit.
Auch Nicht-Fussballinteressierten bietet die EM also Vorteile. Welche noch?
Das Limmatquai ist bespickt mit Fressbuden, umgeben von fettgetränkter Luft, man kann sich den Ranzen also huckevoll schlagen, was aber auch nicht unbedingt ein Vorteil ist, schliesslich ist es nicht billiger oder besser, eher im Gegenteil, und dick sind wir laut Statistik auch schon genug - na, jetzt will ich bereits mit Nachteilen auffahren, das ist doch wie verhext. Obwohl die Vorteile der EM für Nicht-Fussballinteressierte eine klägliche Minderheit bilden, sei dieser Blog gerade diesen gewidmet.
Es gibt wahrscheinlich eine Menge Leute, die an so einer EM recht lustig aufgelegt sind, ja, geradezu aus sich herauskommen, ich meine nicht: aggressiv, nein, einfach ein bisschen lebenslustiger als sonst; Leute, die sich nicht mehr wieder erkennen, die sich mit diesem mysteriösen Fieber angesteckt haben und selbst nicht wissen, wieso. Na ja, dem echten Antifussballfan passiert so ein Malheur natürlich nicht; ich will sagen: Es ist amüsant, diese an Sinnlosigkeit grenzende, aber psychologisch hoch relevante Bewegung zu verfolgen. Wahrscheinlich wäre jetzt der beste Zeitpunkt für eine Revolution, eine Welle oder sonst eine Massenaktion. Jetzt, wo die Gemüter so emotional aufgeladen sind, jetzt, wo nur die Nation und sonst wenig eine Rolle spielt, vielleicht noch die Biermarke, aber sonst nichts. Jetzt könnte also einer kommen, ein Diplomat, ein Schlaumeier, und könnte, wenn er es geschickt anstellte, diese Emotionalität in Bahnen seiner Wahl lenken, so dass er mit der Gesellschaft spielen könnte wie mit einer Marionette. Hoffen wir, den gibt es nicht und wenn doch, dass er selbst dem Fussball verfallen ist.
Auf jeden Fall ist die EM ein amüsantes Phänomen und dieses beobachten zu können, erachte ich als einen Vorteil.
Vielleicht mögen es ja auch die einen oder die anderen, wenn so viele Leute auf der Strasse stehen und heiter sind, wenn es ein bisschen offener zu und her geht und ein Zürcher nicht mehr so abweisend auf ungeplantes Ansprechen reagiert… denn Zürcher sind ja im Allgemeinen eher kalt. Sie sind nicht besonders nett, nicht so offen, nicht so bereit, sich auf ein Gespräch einzulassen, mit jemand Fremdem zu plaudern. Woher das kommt? Keine Ahnung, Kultur, Konvention, Erziehung; das ist nun ja aber nicht relevant, sondern vielmehr, dass die EM-Stimmung den Zürcher sozusagen auflockert und ihn dazu bringt, ein bisschen warm und herzlich zu sein. Die EM tut den Zürchern also gut, obwohl ich bezweifle, dass dieser Effekt nachhaltig sein wird. Aber nicht nur die Zürcher, sondern auch - und noch viel mehr - profitieren (bzw. profitierten) die Berner von dieser friedlichen Invasion, namentlich den Holländern, die die Stadt in orangem Glanz erscheinen liessen, ein riesiges Fest.
Es tut den Schweizern gut, so eine EM, obwohl es natürlich besser gewesen wäre, wenn… nein, keine Nachteile. Es sei geschlossen.
Es tut den Schweizern gut.
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28.02.2008
Ferienjobs und andere Ärgernisse
Von Desiree Schmuck
«Berufserfahrung erwünscht» ist die angenehme Version - «Mehrjährige Praxis von Vorteil» oder gar «langjährige Berufserfahrung vorausgesetzt» sind die Formulierungen, die emsigen Studierenden wie mir so richtig Angst einjagen. Böse Zungen behaupten, dass Akademiker und Studierende keinerlei Ahnung vom «wahren» Berufsleben hätten. Unbelehrbare Schüler und besserwisserische Langzeitstudierende sind erst recht unerwünscht. Wohingegen die wenigen Mutigen, die sich schon während dem Studium von ihrem akademischen Elfenbeinturm herunterwagen, es angeblich so richtig draufhaben. Selbstständig, praktisch begabt und zudem blitzgescheit sind sie es, die später richtig Karriere machen. Und jeder, der etwas auf sich hält, versucht diesem klugen Vorbild früher oder später zu folgen. So auch ich.
Hoch motiviert, meine geistigen Kompetenzen nun endlich auch mit praktischen ergänzen zu können, mache ich mich auf dem universitätsfernen Stellenmarkt auf Jobsuche. Fest entschlossen von meinem hohen Ross herabzusteigen, mustere ich lukrativ klingende Angebote wie «ProjektkoordinatorIn» und «Human Resource Experte (m/w)». Eifrig mache ich mich daran die Qualifikationen durchzulesen und werde auch genauso schnell wieder enttäuscht. Da habe ich mich wohl doch ein wenig überschätzt. Wider Willen zwinge ich mich, die Führungspositionen hinter mir zu lassen und schenke meine Aufmerksamkeit dem nächsten Absatz. Mit etwas komprimiertem Eifer aber mit unerschütterlicher Motivation begebe ich mich auf die Suche nach Nebenjobs für Akademiker. Doch auch hier sticht er mir unerbittlich ins Auge, der fiese kleine Satz: «Sie verfügen über mehrjährige Berufserfahrung.» Himmel, wie soll ich denn bitteschön zu besagter Erfahrung gelangen, wenn niemand bereit ist, mich einzustellen?
Resigniert beschliesse ich also, mich mit Stellenanzeigen jenseits meines Fachgebietes zu befassen, muss jedoch schnell feststellen, dass für meine Person lediglich eine Anstellung in einer Café-Bar angemessen scheint. Da das Loch in meinem Portemonnaie von Tag zu Tag beängstigend wächst, sehe ich mich schliesslich gezwungen, mein Glück bei besagter Institution zu versuchen. Und siehe da – die Chefetage scheint Mitleid mit einer erbärmlichen Studentin wie mir zu haben, denn ich erhalte tatsächlich eine Anstellung auf Probe. Eine Weile später stehe ich mit meinen neuen, extra für den Zweck erworbenen, schwarzen Schuhen, einem albernen Hut und einem gehörig geschrumpften Selbstbewusstsein wieder vor der Tür. Es hat sich herausgestellt, dass meine Putzweise der zeitgenössischen nicht mehr zu entsprechen scheint und dass es besser für alle Beteiligten ist, wenn ich mein Unheil anderswo stifte.
Da bin ich wieder, deprimiert die Stellenanzeigen studierend, in der Hoffnung meine knapp zwei Tage Berufserfahrung hätten die Situation schlagartig geändert. Mit einer neuen Portion Selbstvertrauen entscheide ich, dass handwerkliche Tätigkeiten eben nichts für mich sind und ich mich eher für Berufe, die meine geistigen Fähigkeiten wertschätzen, eigne. Nach langwieriger Suche ergattere ich folglich eine Stelle, die ich für meine Talente und meine Intelligenz als angemessen erachte. Und so mache ich mich eines Montags gelassen und voller Zuversicht auf den Weg zu meiner neuen Arbeit als – Aushilfe im Sekretariat. Einige Tage Kaffee servieren haben mich die Karriereleiter scheinbar beachtlich nach oben klettern lassen. In freudiger Erwartung meiner vielfältigen Tätigkeiten nehme ich stolz in einem, zugegeben ziemlich klapprigen, Stuhl Platz, und erfahre sehr schnell, dass meine anspruchsvolle neue Aufgabe eigentlich aus einer einzigen besteht: dem Abnehmen des Telefons.
Ein wenig enttäuscht, jedoch fest überzeugt, diesmal meine Sache besser zu machen, stürze ich mich in die Arbeit. Was so viel bedeutet wie, dass ich in meinem baufälligen Sessel sitze und das Telefon gebannt anstarre. Nach zwei Stunden erbarmt es sich meiner und läutet endlich. Übereilt und voller Tatendrang leiere ich meine auswendig gelernte Begrüssungsrede fehlerfrei herunter. Von meinem Affentempo beeindruckt oder von meiner besessenen Stimme entsetzt, legt der arme Anrufer jedoch gleich wieder auf. Der unverkennbare Ton aus dem Inneren des Telefons und der böse Blick meines Chefs, als ich verzweifelt nachfrage, «Hallo, hallo – ist da jemand?», lassen mir keinen Zweifel daran, dass ich etwas falsch gemacht habe.
Doch meine zweite Chance lässt nicht lange auf sich warten und nun bringe ich den Anrufer durch meine betont ruhigere Sprechweise sogar dazu, etwas zu sagen. Triumphierend teile ich meinem Gesprächspartner mit, dass ich ihn verbinde. Doch als ich genau dies voller Eifer tun will, stosse ich mit Schwung mein Wasserglas um, lasse vor Schreck den Hörer auf den Boden fallen und als ich unter dem Tisch widerwillig wieder hervorkrieche, muss ich voller Schreck feststellen, dass sich mein Getränk auf den Akten meines Vorgesetzten verteilt und diese zu einem aquarellähnlichen Werk verwandelt hat. Mein Boss schäumt vor Wut und findet mein künstlerisches Talent leider gar nicht zum Lachen. Immerhin hat sich meine wertvolle Berufspraxis auf ganze zwei Zeilen im Lebenslauf erhöht.
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17.02.2008
Semesterbeginn
von Lucy
Diesmal soll alles anders werden – schliesslich starte ich ins nächste Semester. Ähnlich dem kürzlich erfolgten Jahreswechsel der perfekte Anlass, längst geplante Vorsätze umzusetzen: Endlich möchte ich, regelrecht intrinsisch motiviert angetrieben, Woche für Woche lernen und immer schön am Ball bleiben, und nicht erst dann, wenn die Deadline näher rückt – also kurz vor den Prüfungen – mit dem Büffeln beginnen! Denn ich will meinen Abschluss in Psychologie für mich und meine Zukunft absolvieren, und nicht nur für das bestätigende Stück Papier.
Wenn da nur nicht ein paar Kleinigkeiten wären, die mich an meinem Vorhaben hindern und Zweifel aufkommen lassen: Ich brauche diesbezüglich unbedingt eine Evaluation meiner bisherigen studienspezifischen Vorgehensweisen! Doch wie soll ich eine solche vornehmen, wenn ich nicht mal Kenntnisse der Resultate kürzlich absolvierter Prüfungen habe – während ich von den im vergangenen Sommer absolvierten Prüfungen gerade mal weiss, dass ich sie bestanden habe, nicht aber wie; hatte ich ausreichend gelernt oder waren meine vermeintlich intensiven Anstrengungen doch eher knapp und dürftig?
Und schon bemerke ich das Paradoxon: ich bin ja doch enorm extrinsisch motiviert; aber das muss ich ja auch, denn letztendlich geht es trotz allem in erster Linie darum, zu bestehen – um überhaupt weiterstudieren zu können…
Gerade mal bezüglich zweier Veranstaltungen liegt die Entscheidungskompetenz der Wahl bei mir, die restlichen Vorlesungen sind als Pflichtfächer vorgegeben, um die notwendigen Credits zu erwerben.
Darüber hinaus entsprechen die thematischen Schwerpunkte nicht eben meinem Interessegebiet; bereits die 4. & 5. Entwicklungspsychologieveranstaltungen werde ich nun belegen müssen. Da stelle ich mir schon die Frage, inwiefern dies nun vorausgeplant wurde, sodass sich das neu zu erlernende nicht erneut mit bereits einverleibten Theorien überschneidet. Naja – womöglich bleiben wir über unser ganzes Studium hinweg Versuchskaninchen.
Dennoch: Ich wünsche euch allen einen guten Start ins neue Semester!
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28.01.2008
Liebe und Sex
von Marina
Sex ist gesund – diese These ist in der heutigen Gesellschaft weit verbreitet. Auf zahlreichen Internetseiten, in Zeitschriften und Magazinen ist zu Lesen, dass Sex Kopfschmerzen verhindert, vor Herzinfarkten schützt, die Abwehrkräfte stärkt, der schlanken Linie dient, jegliche Stressgefühle weg fegt, schlau sowie kreativ und glücklich macht.
Es herrscht die Meinung, dass Frauen nach Liebe und Männer nach Sex suchen. Ich suche nach einer Liebe mit gutem Sex.
Wie kann es dazu kommen, dass sich ein Ehemann eines Tages bloss Zärtlichkeit, anstelle von sexuellen Begegnungen mit seiner Frau wünscht? Der Verzicht auf Sex oder eine gewaltige Reduzierung desselben, macht mir das Leben beinahe unerträglich: Ich bekomme Kopfschmerzen, Stressgefühle, werde krank und unglücklich. Nach Selbstbefriedigung fühle ich mich zwar etwas erleichtert, aber nicht glücklich.
Eigentlich sollte doch irgendwo im Ehevertrag stehen, dass der Mann seine Frau befriedigen soll.
Wie kann denn Liebe ohne Sex funktionieren, wenn ich dann ohne Sex unzufrieden bin?
Liebe ist schön – ich will aber nicht nur Liebe, sondern auch Sex.
Sex mit dem anderen Mann wird zu einem Fest: Er kennt sich in diesem Bereich gut aus und wendet zahlreiche Techniken an. Jede Begegnung mit ihm wird zu einem besonderen sexuellen Erlebnis. Ohne Sex wirken die Begegnungen aber beiderseits eher enttäuschend. Doch ich will nicht nur mehrere Male befriedigt werden – obwohl das sehr schön ist – ich will nicht nur guten Sex, sondern auch Liebe.
«Ich liebe dich» meinte der nächste und machte viele romantische und leidenschaftliche Sachen mit mir – gar rannte er mir aus einem fernen Land hinterher. Gefangen in seiner Märchenwelt wollte er mir die Welt zu meinen Füssen legen; doch ich bin keine Märchenprinzessin – sein Gehabe kam mir letztendlich etwas übertrieben vor. Ich mag Romantik und Leidenschaft, doch ich brauche keine Welt zu meinen Füssen.
Ich will doch einfach Liebe und guten Sex – beides in einem.
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30.11.2007
Therapiegespräch: eine Erfahrung
von Marina
Als ich vor zwei Jahren mit dem Psychologiestudium begann, hätte ich nie gedacht, dass ich schon im dritten Studienjahr an einem eins zu eins Therapiegespräch teilnehmen würde. Besonders überraschend ist, dass ich die Patientin bin und nun für Gespräche zu einer Psychiaterin gehe.
Die Beendung einer mehrjährigen Beziehung, zwei Umzüge innerhalb von drei Monaten, keine Verwandten im Land… Ich schlitterte in eine tiefe Depression, aus welcher ich nicht mehr alleine hinauszukommen glaubte. Unerwartet, aber auch zum Glück, stürzte ich mich in eine neue Beziehung. Diese hat mir vorerst viel Freude gebracht. Eigentlich sollte ich mich glücklich und zufrieden fühlen, doch ich grübelte oft nach, war traurig, weinte viel und konnte schliesslich den Boden unter meinen Füssen nicht mehr spüren. So suchte ich Hilfe und wurde zu einer Psychiaterin geleitet.
Als ich auf meinen ersten Termin wartete, befürchtete ich, dass eine schwere psychische Krankheit entdeckt werden könnte – eine, die auch bei meinen Familienangehörigen anzutreffen ist. Mein mir bisher angeeignetes Klassifikationswissen zur Psychopathologie hilft mir, viele Symptome zu erkennen. Ich wurde mir letztendlich meinen Ängsten, Schuldgefühlen und meinem Grübeln, der Konzentrationsschwäche sowie der suizidalen Gedanken bewusst.
Bereits das erste Gespräch half mir enorm viel. Ich realisierte, dass ich „nur“ eine Depression habe, dass ich unnötige Schuldgefühle, die mir vermittelt wurden einfach so annahm. Obwohl ich im Moment zu leben glaube, richtet sich mein Leben eher in Richtung Vergangenheit. Aber eigentlich sollte ich über meine Zukunft nachdenken: was möchte ich in ein paar Wochen oder Monaten machen?















